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Tibet: Ein Auserwählter sagt »Nein Danke« zur Wiedergeburt

Geschrieben von Joe Boden • Montag, 15. Juni 2009 • Kategorie: Buddhismus
Tibet Ein Auserwaehlter sagt Nein Danke zur Wiedergeburt

Der 24jährige möchte sein Leben selbst bestimmen und Filmemacher werden.


„Zum letzten Mal, ich bin nicht dein Messias“, stöhnt die Titelfigur in der Komödie „Das Leben des Brian“ und wurde dennoch gekreuzigt. Ähnliches passiert derzeit im tibetischen Buddhismus – auch wenn dort die Folgen zweifellos weniger dramatisch sein werden.

Ende Mai 2009 bestätigten zwei spanische Medien, dass der 24-jährige Tenzin Osel Rinpoche, einer der bekanntesten buddhistischen “goldenen Kinder” - besonders begabte Kinder, die aufgrund bestimmter Anzeichen oder durch ihre Erinnerungen als Tulku oder Wiedergeburt eines hohen tibetisch-buddhistischen Lamas angesehen werden – seine vorausbestimmte Identität aufgegeben hat.

Anstelle eines Lama, will er jetzt Filmemacher werden, und hat dazu wieder seinen ursprünglichen spanischen Namen Osel Hita Torres angenommen.


Die Abdankung des Auserwählten stellt jetzt vor allem die Gesellschaft zur Erhaltung der Mahayana-Tradition (Foundation for the Preservation of the Mahayana Tradition - FPMT) deren Lama er sein sollte und die als führende Organisation zur Verbreitung der tibetischen Lehre im Westen gilt, vor ernsthafte Probleme.

1989 wurde der damals vierjährige Torres mit der Erlaubnis seiner spanischen Eltern zu den FPMT Mönchen gebracht, um sich dort den traditionellen Tests zu unterziehen, die jeder Kandidat bestehen muss, um den Beweis zu erbringen, dass er tatsächlich die Wiedergeburt eines Lamas ist. Diese Verfahren ist vor allem durch Bernardo Bertolucci’s Film „Little Buddha“ oder die aktuelle Dokumentation „Unmistaken Child“ bekannt geworden. Dabei testeten die Mönche Torres Fähigkeit Gegenstände aus dem früheren Leben von Lama Yeshe zu erkennen.

Nach dem erfolgreichen Abschluss der Tests, wurde er offiziell vom Dalai Lama als Reinkarnation des 1984 verstorbenen Lama Yeshe bekannt gegeben. Mit sechs Jahren, im Juli 1991 trat er ins Kloster Sera, einem der drei bedeutenden Klosteruniversitäten in Südindien ein.

Im letzten Monat bestätigte die spanische Zeitschrift „Babylon“ dass Torres bereits vor einiger Zeit die tibetischen Universität verlassen hat und sich selbst auch nicht mehr für einen Buddhisten hält. Die Zeitung “El Mundo” zitiert ihn mit den Worten „Ich lebte mit einer Lüge. Sie haben mich von meiner Familie fortgebracht und mich in mittelalterlichen Verhältnissen festgehalten, unter denen ich sehr gelitten habe.“
Der britische „Guardian“ berichtete, dass die einzigen Personen, die Torres dort zu Gesicht bekommen hat, buddhistische Mönche und Richard Gere waren.

Am letzten Montag wurde eine Erklärung Torres auf der Internetseite der FPMT veröffentlicht, in der er die Presseberichte als sensationslüsternd bezeichnet und erklärt “Es gibt keine Spaltung zwischen mir und der FPMT”. Dennoch, die Bestätigung in dieser Erklärung, dass er sich der Reinkarnation verweigert, schlägt hohe Wellen.

Josh Baran, ein New Yorker Buddhist, der die West-Reisen mehrerer hohen Lamas ermöglicht hat, weist darauf hin, dass die Weigerung Torres nicht dazu führen sollte, dass Buddhisten jetzt den Kopf in den Sand stecken sollten. Der Westen, sagte er, hat die romantische Vorstellung, dass diese Lamas eine Art Superblick haben, damit auf ein Kind schauen und sagen, „er ist es“.

Gewisse Anzeichen sind wichtig bei der Suche nach möglichen Kandidaten zur Reinkarnation erklärte er, aber auch immer mehr weltlichen Gesichtspunkte spielen eine Rolle.
Tulkus besitzen oft erheblichen Reichtum und Einfluss, sodass die Auswahl oft von einflussreichen Mönchen manipuliert oder den Wünschen weltlicher Machthaber entsprochen wird. Manchmal kommt dieses Auswahlsystem auch nicht zu einem klaren Sieger. Die tibetische Geschichte ist voll von blutigen Kämpfen zwischen rivalisierenden Kandidaten und ihren Anhängern.

Vieles davon ist auch in westlichen Religionen nicht unbekannt. Katholische Päpste werden angeblich vom göttlichen Einfluss des Heiligen Geistes auf die Konklave der Kardinäle bestimmt - doch viele haben sich nicht gerade als heilig erwiesen und führten blutige Kriege um die Papstfolge.

Die tibetischen Buddhisten bewerten die Weisheit eines Tulkus nicht durch seinen Titel, sagt Baran, sondern durch sein Wirken und seine Frömmigkeit. Die Mönche versuchen die in Frage kommenden Kinder auszusuchen, aber sie übernehmen auch das Ausschlussverfahren der umfangreichen Tulkuausbildung. “Egal, wen sie auswählen, der beste wird am Ende vorne stehen”.

Aufgrund dieser Logik hat sich Torres einfach selbst aus dem Rennen gebracht. Robert Thurman, ein buddhistischer Gelehrter, ehemaliger Mönch und Freund des Dalai Lama, erzählt, dass er sich bereits besorgt äußerte, als vor einigen Jahren bekannt wurde, dass Torres eine traditionelle buddhistische Ausbildung in Indien erhalten sollte.
Thurman argumentiert: „Wenn er eine traditionellen tibetische Erziehung gewollt hätte, wäre er in einer tibetischen Familie im Exil wiedergeboren“. Das Ergebnis dieser falschen Platzierung ist, dass Torres jetzt mit einer Identitätskrise weggebrochen sei.

Thurman ist der Auffassung, dass in einiger Zeit in unserer viel beschäftigten postmodernen Welt Torres den Wert der tibetischen Tradition erkennen wird und dann in der Lage sein wird, sich nach eigenem Willen zu entscheiden.

Yiruisi für China-Observer.de

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Phra Acharn - Mönch, der mit den Tigern lebt

Geschrieben von Joe Boden • Dienstag, 9. Juni 2009 • Kategorie: Besondere Menschen, Lebensmodelle, Buddhismus
 

Phra Acharn ist ein Mann der Extreme: Mit 26 besiegte er seine Leukämie mittels Meditation. Dann wurde er als „Tigermönch“ berühmt. Ein Schlüsselerlebnis war für Phra Acharn die Geburt des ersten Tigers im Kloster

moench

 

Mit 26 Jahren bereitete sich Phra Acharn auf das Sterben vor. Diagnose: Leukämie. Prognose: sechs Monate. Die einzige Behandlung gab es im Ausland – und das war damals ein Ding der Unmöglichkeit. Also ging Phra Acharn in den Wald, um den Rest seines Lebens als Mönch zu verbringen. Als Erstes erklärte ihm sein Lehrmeister, wie man beim Sterben atmen muss. Als Zweites, was beim Sterben aus buddhistischer Sicht im Körper vor sich geht. Als er das verstanden hatte, begann Phra Acharn zu meditieren.

Das ist mehr als 30 Jahre her. Heute ist Phra Acharn eine Berühmtheit. Weltweit haben Medien über ihn und sein besonderes Kloster berichtet – das Kloster, in dem die Tiger leben. Aus aller Welt kommen Touristen, bis zu 200 am Tag. Selbst hat Phra Acharn sein Land noch nie verlassen. Doch jetzt ist er da, in Wien, um von Thailands Wissen und Kultur zu erzählen.

Ein Zweig zum Zähneputzen. Um elf Uhr vormittags sitzt er im Schneidersitz auf Bastmatten auf der Wiese des Campus im Alten AKH und isst Rambutan, eine thailändische Frucht, rot mit grünen Haaren. Vor ihm steht noch der Topf, mit dem er, ganz wie im thailändischen Klosteralltag, um Gaben für die einzige tägliche Mahlzeit gebeten hat. Nach dem Essen reinigt er seine Zähne mit einem Zweig, dann ist er bereit fürs Gespräch.

Als Kind wollte er immer der Beste sein, erzählt Phra Acharn. Aufgewachsen in einer armen Familie in Samut Prakan, südöstlich von Bangkok, blieb für das mittlere von neun Geschwistern aber wenig Aufmerksamkeit. Mit neun Jahren nahm ihn sein Onkel auf, ein kluger Mann, der ihn zur Schule schickte. Phra Acharn war ehrgeizig, Jahr um Jahr errang er Stipendien. Später ging er zur Uni, schloss in Politikwissenschaft ab. Dann kam die Leukämie.

Und mit ihr die Meditation. Er meditierte im Sitzen, im Gehen und im Stehen, er perfektionierte seine Konzentration. In der Meditation, sagt er, habe er verstanden, dass Körper und Seele zusammenarbeiten müssen. Wer sich zu sehr auf den Körper konzentriere und seine Seele vernachlässige, der habe ein Problem. Wie er. Ab da habe er gewusst, dass er nicht an Leukämie sterben würde. Zum Arzt ging er nie wieder.

Heilung durch Meditation? Diese Möglichkeit habe jeder, sagt Phra Acharn. „Jeder hat das Recht zu wählen. Man kann entweder nichts tun oder seine Krankheit überwinden.“ Eigentlich sei es ganz einfach. „Solange man atmet, ist man nicht tot. Man muss nur einatmen.“ Dass das alles dann doch nicht ganz so leicht ist, gesteht freilich auch er ein. „Natürlich kann man es den Menschen erklären. Viele hören auch zu, aber nicht alle verstehen es wirklich. Und noch weniger können es umsetzen.“

Einen Versuch sei es dennoch wert, meint Phra Acharn mit gelassener Heiterkeit: „Wer sich mit der Lehre Buddhas beschäftigt und trotzdem stirbt, geht glücklicher und zufriedener.“

Schwach, krank, den Tod vor Augen: In diesem Zustand war auch der erste Tiger, der zu ihm gebracht wurde. Schon zuvor hatten Tiere bei ihm Zuflucht gefunden. 1994 gründete Phra Acharn ein thailändisches Waldkloster, in dem die Mönche in der Abgeschiedenheit der Natur ihren Geist trainieren. Irgendwann brachten ihm die Dorfbewohner ein verletztes Huhn. Dann folgten Pfaue, später eine Wildschweinfamilie. Bald war das Kloster eine heilige Menagerie.

Das Tigerbaby und die Giftinjektion. Vor zehn Jahren kam dann das Tigerbaby. „Es war krank, wie ich“, sagt der Mann, der heute selbst „Tigermönch“ genannt wird. Wilderer hatten die Mutter des Tieres erschossen, das Kleine sollte getötet und ausgestopft werden, doch es überlebte die Giftinjektion und landete im Kloster. Die anderen Tiger kamen dann ganz wie von selbst.

Ein Schlüsselerlebnis war für Phra Acharn die Geburt des ersten Tigers im Kloster. Eines Morgens erschien ihm bei der Meditation ein Mann, der um Aufnahme bat. Als der Mönch ins Dorf ging, erfuhr er, dass derselbe Mann bei einem Autounfall gestorben war. Am selben Tag wurde der Tiger geboren. Phra Acharn ist überzeugt, dass er die Reinkarnation des Toten ist.

Heute leben 42 Tiger im Waldkloster. Längst hat der Mönch die Tiger gebeten, „mitzuhelfen, um ihr Futter zu verdienen“. Und er hat gelernt, mit ihnen zu kommunizieren. Angst hat er keine vor den Tigern – höchstens um sie. Deshalb baut Phra Acharn gerade ein großes Tigerrefugium. Um die Raubkatzen vor dem Aussterben zu bewahren.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.06.2009) | Top Exits (0)
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