Wirksame Hilfe bei Tinnitus: Neurostimulator aus Jülich
Geschrieben von Joe Boden • Montag, 1. Juni 2009 • Kategorie: Alles was hilft, Ernährung & GesundheitJülich,
29. Mai 2009 – Klein wie ein Hörgerät ist der Neurostimulator, der das
lästige Klingeln im Ohr von Tinnitus-Patienten abstellen kann. 2010
soll das Gerät, das auf wissenschaftlichen Erkenntnissen aus dem
Forschungszentrum Jülich beruht, auf den Markt und damit zu den
Patienten kommen. Derzeit wird das Gerät in einer klinischen Studie
getestet.
Rund fünf Prozent der Bevölkerung leidet an einem Tinnitus. Bei
einem Drittel von ihnen ist das Klingeln im Ohr so stark, dass es die
Lebensqualität zum Teil erheblich beeinträchtigt. Ursache für das
permanente Ohrgeräusch sind Fehlsteuerungen im Gehirn. Nervenzellen
feuern dabei übermäßig synchron Signale.
Prof. Dr. Tass vom Forschungszentrum Jülich entwickelte ein
neuartiges Verfahren, mit dem das synchrone Feuern der Nervenzellen
unterbunden werden kann.
Mittels eines mathematisch-physikalischen
Stimulationsalgorithmus gelang es dem Mediziner und Physiker, die
krankhafte Gleichschaltung der Nervenzellen aus dem Takt zu bringen.
"Durch die Stimulation bauen sich die Nervennetzwerke im Hirn wieder
um. Deshalb erreichen wir mit unserem Stimulator auch eine dauerhafte
Linderung der Krankheit", sagt Prof. Dr. Tass.
Auf diesen Forschungsergebnissen basiert der von der in Jülich
ansässigen Firma ANM Adaptive Neuromodulation GmbH entwickelte
Tinnitus-Neurostimulator. Die erste klinische Studie mit dem Prototypen
belegt: Bei mehr als 70 Prozent der Probanden gingen die Symptome
signifikant und dauerhaft zurück. 2006 wurde die Firma ANM gegründet,
um die Forschungsergebnisse der Mediziner in kommerzielle Produkte
umzusetzen.
"Die Ausgründung der Firma zeigt, dass der Technologietransfer von
der Grundlagenforschung hin zur Nutzeranwendung in Jülich
funktioniert", freut sich Dr. Ulrich Krafft, stellvertretender
Vorstandsvorsitzender des Forschungszentrums Jülich. Soeben wurde die
Zusammenarbeit zwischen dem Forschungszentrum und der ANM vertraglich
noch enger festgezurrt. Die ANM kann nun Neurostimulations- und
Modulationsverfahren von Prof. Dr. Tass und seinen Mitarbeitern
übernehmen und in tragbare Geräte für die medizinische Anwendung
umsetzen.
"Das ist deswegen so wichtig, weil in dem Prinzip der
Neuromodulation noch großes Potential für die Behandlung einer Vielzahl
von Erkrankungen steckt", sagt Vorstandsmitglied Prof. Dr. Sebastian
Schmidt. Voraussichtlich 2012 etwa soll ein neuer Hirnschrittmacher für
Parkinson-Patienten auf den Markt kommen, der nach dem von Prof. Dr.
Tass entwickelten Algorithmus funktioniert. Das Prinzip der
Neurostimulation kann dabei das krankhafte Zittern der Patienten
verhindern. Auch hier werden die Nervenzellen des Patienten durch milde
und gezielte Reize wieder zu einem gesunden Verhalten veranlasst.
Darüber hinaus forscht Prof. Dr. Tass daran, es auch bei essentiellem
Tremor, Dystonie, Schmerzzuständen, Epilepsie oder bei
Funktionsstörungen nach einem Schlaganfall sowie bei psychiatrischen
Krankheiten einzusetzen.

sich über den Vertragsabschluss (v.l.n.r.): Prof. Dr. Peter Tass, Dr.
Ulrich Krafft (stellvertretender Vorstandsvorsitzender des
Forschungszentrums), Dr. Claus Martini (Geschäftsführer der ANM GmbH)
und Prof. Dr. Achim Bachem (Vorstandsvorsitzender des
Forschungszentrums).

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