Heraklit von Ephesos über die Natur
Geschrieben von Joe Boden • Dienstag, 3. November 2009 Heraklit von Ephesos (griechisch Ἡράκλειτος ὁ Ἐφέσιος Herákleitos ho
Ephésios, latinisiert Heraclitus Ephesius, * zwischen 540 und 535 v.
Chr.; † zwischen 483 und 475 v. Chr.) war ein vorsokratischer Philosoph
aus dem ionischen Ephesos. Heraklit beanspruchte eine von allen
herkömmlichen Vorstellungsweisen verschiedene Einsicht in die
Weltordnung. Daraus ergab sich eine nachhaltige Kritik der
oberflächlichen Realitätswahrnehmung und Lebensart der meisten
Menschen. Ein wiederkehrendes Thema seines Philosophierens ist neben
dem auf vielfältige Weise interpretierbaren Begriff des Logos, der die
vernunftgemäße Weltordnung und ihre Erkenntnis und Erklärung
bezeichnet, der natürliche Prozess beständigen Werdens und Wandels. In
späterer Zeit wurde dieser Wandel auf die populäre Kurzformel „Panta
rhei (Alles fließt)“ gebracht. Des Weiteren setzte Heraklit sich mit
dem Verhältnis von Gegensätzen auseinander, wie etwa von Tag und Nacht,
Wachsein und Schlafen, Eintracht und Zwietracht. Diese Gegensätze sieht
er in einer spannungsgeladenen Einheit stehend. Überliefert sind von
Heraklits Werk nur Zitate aus späteren Texten anderer Autoren. Diese
Zitate bestehen oft nur aus einem Satz und enthalten zahlreiche
Aphorismen, Paradoxien und Wortspiele. Die stilistischen Eigenheiten,
die fragmentarische Überlieferung und der Umstand, dass die Echtheit
einiger Fragmente strittig ist, erschweren eine präzise Erfassung
seiner Philosophie. Seine Thesen waren und sind daher Gegenstand
kontroverser Interpretationsversuche. Wegen der nicht leicht zu
entschlüsselnden Botschaften verlieh man ihm bereits in der Antike den
Beinamen „der Dunkle“ (ὁ Σκοτεινός ho Skoteinós). Seine genauen
Lebensumstände sind – wie der Aufbau seines Werkes – ungeklärt, da sich
die Forschung lediglich auf Informationen von nicht zeitgenössischen,
teils sehr späten Autoren stützen kann, deren Glaubwürdigkeit
umstritten und in manchen Fällen offensichtlich gering
Heraklit - ÜBER DIE NATUR
1. Für dies Weltgesetz aber, ob es gleich ewig ist, gewinnen die
Menschen kein Verständnis, weder ehe sie es vernommen noch sobald sie
es vernommen. Alles geschieht nach diesem Wort, und doch geberden sie
sich wie Unerprobte, so oft sie es probieren mit solchen Worten und
Werken, wie ich sie künde, ein jegliches nach seiner Natur zerlegend
und deutend, wie sich's damit verhält. Die anderen Menschen wissen
freilich nicht, was sie im Wachen tun, wie sie ja auch vergessen, was
sie im Schlafe tun.
2. Drum ist's Pflicht dem Gemeinsamen zu folgen. Aber obschon das
Weltgesetz allen gemein ist, leben die meisten doch so, als ob sie eine
eigene Einsicht hätten.
3. Die Sonne hat die Breite des menschlichen Fußes.
4. Bestände das Glück in körperlichen Lustgefühlen, so müßte man die
Ochsen glücklich nennen, wenn sie Erbsen zu fressen finden.
5. Reinigung von Blutschuld suchen sie vergeblich, indem sie sich mit
Blut besudeln, wie wenn einer der in Kot getreten, sich mit Kot
abwaschen wollte. Für wahnsinnig würde ihn doch halten, wer etwa von
den Leuten ihn bei solchem Treiben bemerkte. Und sie beten auch zu
diesen Götterbildern, wie wenn einer mit Gebäuden Zwiesprache pflegen
wollte. Sie kennen eben die Götter und Heroen nicht nach ihrem wahren
Wesen.
6. Die Sonne ist neu an jedem Tag.
7. Würden alle Dinge zu Rauch, würde man sie mit der Nase
unterscheiden.
8. Das auseinander Strebende vereinigt sich und aus den verschiedenen
Tönen entsteht die schönste Harmonie und alles entsteht durch den
Streit.
9. Esel würden Häckerling dem Golde vorziehen.
10. Auch die Natur strebt wohl nach dem Entgegengesetzten und bringt
hieraus und nicht aus dem Gleichen den Einklang hervor, wie sie z.B.
das männliche mit dem weiblichen Geschlechte paarte und nicht etwa
beide mit dem gleichen, und die erste Eintracht durch Vereinigung des
Gegensätzlichen, nicht des Gleichartigen herstellte. Auch die Kunst
bringt dies, offenbar durch Nachahmung der Natur, zustande. Die Malerei
mischt auf dem Bilde die Bestandteile der weißen und schwarzen, der
gelben und roten Farbe und bewirkt dadurch die Ähnlichkeit mit dem
Originale; die Musik mischt hohe und tiefe, lange und kurze Töne in
verschiedenen Stimmen und bringt dadurch eine einheitliche Harmonie
zustande; die Schreikunst mischt Vokale und Konsonanten und stellt
daraus die ganze Kunst zusammen. Das gleiche spricht sich auch in dem
Worte des dunklen Herakleitos aus: Verbindungen sind: Ganzes und
Nichtganzes, Eintracht, Zwietracht, Einklang, Mißklang und aus allem
eins und aus einem alles.
11. Alles, was da kreucht, wird mit Gottes Geißel zur Weide getrieben.
12. Wer in dieselben Finten hinabsteigt, dem strömt stets anderes
Wasser zu. Auch die Seelen dünsten aus dem Feuchten hervor.
13. Am Dreck sich ergetzen.
14. Wem prophezeit Heraklit? Den Nachtschwärmern, Magiern, Bakchen,
Mänaden und Eingeweihten. Diesen droht er mit der Strafe nach dem Tode,
diesen prophezeit er das Feuer. Denn in unheiliger Weise findet die
Einführung in die Weihen statt wie sie bei den Leuten im Schwange sind.
15. Denn wenn es nicht Dionysos wäre, dem sie die Prozession
veranstalten und das Phalloslied singen, so wär's ein ganz schändliches
Tun. Ist doch Hades eins mit Dionysos, dem sie da toben und Fastnacht
feiern!
16. Wie kann einer verborgen bleiben vor dem, was nimmer untergeht!
17. Denn viele hegen nicht solche Gedanken, so viele auch darauf
stoßen, noch verstehen sie, wenn man sie belehrt; aber sie bilden es
sich ein.
18. Wenn er's nicht erhofft, wird er das Unverhoffte nicht finden. Denn
sonst ist's unerforschlich und unzugänglich.
19. Leute, die weder zu hören noch zu reden verstehen.
20. Heraklit scheint die Geburt als ein Unglück zu betrachten, wenn er
sagt: Wann sie geboren sind, schicken sie sich an zu leben und dadurch
den Tod zu erleiden, oder vielmehr auszuruhen, und sie hinterlassen
Kinder, daß auch sie den Tod erleiden.
21. Tod ist alles, was wir im Wachen sehen, und Schlaf, was im
Schlummer.
22. Denn die Goldgräber schaufeln viel Erde und finden wenig.
23. Gäb' es jenes nicht, so kennten sie der Dike Namen nicht.
24. Im Kriege Gefallene ehren Götter und Menschen.
25. Größerer Tod empfängt größere Belohnung.
26. Der Mensch zündet sich in der Nacht ein Licht an, wann er gestorben
ist und doch lebt. Er berührt den Toten im Schlummer, wann sein
Augenlicht erloschen; im Wachen berührt er den schlummernden.
27. Der Menschen wartet nach dem Tode, was sie nicht erwarten oder
wähnen.
28. Denn was der Glaubwürdigste erkennt, festhält, ist nur Glaubliches.
Aber freilich die Lügenschmiede und ihre Eideshelfer wird doch auch
Dike zu fassen wissen.
29. Eins gibt es, was die Besten allem anderen vorziehen: den Ruhm den
ewigen den vergänglichen Dingen. Die Meisten freilich liegen da
vollgefressen wie das liebe Vieh.
30. Diese Weltordnung, dieselbige für alle Wesen, hat kein Gott und
kein Mensch geschaffen, sondern sie war immerdar und ist und wird sein
ewig lebendiges Feuer, nach Maßen erglimmend und nach Maßen erlöschend.
31. Feuers Wandlungen: erstens Meer, die Hälfte davon Erde, die andere
Glutwind. Das bedeutet, daß das Feuer durch das das Weltall regierende
Wort oder Gott durch die Luft hindurch in Wasser verwandelt wird als
den Keim der Weltbildung, den er Meer [nennt. Daraus entsteht wiederum
Erde, Himmel und das dazwischen Liegende. Wie dann die Welt wieder ins
Ursein zurückkehrt und der Weltbrand entsteht, spricht er klar im
Folgenden aus: das Feuer zerfließt als Meer und erhält sein Maß nach
demselben Wort Gesetz wie es galt, ehe denn es Erde ward.
32. Eins, das allein Weise, will nicht und will doch auch wieder mit
Zeus' Namen benannt werden.
33. Gesetz heißt auch dem Willen eines einzigen folgen.
34. Sie verstehen es nicht, auch wenn sie es vernommen. So sind sie wie
Taube. Das Sprichwort bezeugt's ihnen: ›Anwesend sind sie abwesend‹.
35. Gar vieler Dinge kundig müssen weisheitsliebende Männer sein.
36. Für die Seelen ist es Tod zu Wasser zu werden, für das Wasser Tod
zur Erde zu werden. Aus der Erde wird Wasser, aus Wasser Seele.
37. Säue baden sich in Kot, Geflügel in Staub oder Asche.
38. Thales war nach einigen der erste Astronom. Das bezeugt auch
Heraklit und Demokrit..
39. In Priene lebte Bias des Teutames Sohn, dessen Ruf größer ist als
der der andern.
40. Vielwisserei lehrt nicht Verstand haben. Sonst hätte es den Hesiod
belehrt und Pythagoras, ferner auch Xenophanes und Hekataios.
41. In Einem besteht die Weisheit, die Vernunft zu erkennen, als welche
alles und jedes zu lenken weiß.
42. Homer verdiente aus den Preiswettkämpfen verwiesen und mit Ruten
gestrichen zu werden und ebenso Archilochos.
43. Frevelmut soll man eher löschen als Feuersbrunst.
44. Das Volk soll kämpfen um sein Gesetz wie um seine Mauer.
45. Der Seele Grenzen kannst du nicht ausfinden, und ob du jegliche
Straße abschrittest; so tiefen Grund hat sie.
46. Eigendünkel nannte er eine fallende Sucht und trügerisch das Auge.
47. Urteilen wir nicht vorschnell über die wichtigsten Dinge ab!
48. Des Bogens Name ist also Leben, sein Werk Tod.
49. Einer gilt mir zehntausend, falls er der Beste ist.
49a. In dieselben Fluten steigen wir und steigen wir nicht: wir sind es
und sind es nicht.
50. Habt ihr nicht mich, sondern mein Wort vernommen, ist es weise
zuzugestehen, daß alles eins ist.
51. Sie verstehen nicht, wie das Eine auseinanderstrebend ineinander
geht: gegenstrebige Vereinigung wie beim Bogen und der Leier.
52. Die Zeit ist ein Knabe, der spielt, hin und her die Brettsteine
setzt: Knabenregiment!
53. Krieg ist aller Dinge Vater, aller Dinge König. Die einen macht er
zu Göttern, die anderen zu Menschen, die einen zu Sklaven, die anderen
zu Freien.
54. Verborgene Vereinigung besser als offene.
55. Alles, was man sehen, hören und lernen kann, das ziehe ich vor.
56. Die Menschen lassen sich über die Kenntnis der sichtbaren Dinge
ähnlich zum besten halten wie Homer, der doch weiser war als die
Hellenen allesamt. Ihn foppten nämlich Jungen, die der Läusejagd
oblagen, indem sie ihm zuriefen: alles was wir gesehen und gegriffen,
lassen wir da; was wir aber nicht gesehen und nicht gegriffen, das
bringen wir mit,
57. Lehrer aber der meisten ist Hesiod. Sie sind überzeugt, er weiß am
meisten, er der doch Tag und Nacht nicht kannte. Ist ja doch eins!
58. Und Gut und Schlecht ist eins. Fordern doch die Ärzte, wenn sie die
Kranken auf jede Art schneiden, brennen und schlimm quälen, noch Lohn
dazu von den Kranken, während sie doch durchaus nicht verdienten,
solchen zu erhalten, da sie ja nur dasselbe bewirken, d.h. durch ihre
Guttaten die Krankheiten nur aufheben.
59. Der Walkerschraube Weg, grad und krumm, ist ein und derselbe.
60. Der Weg auf und ab ist ein und derselbe.
61. Meerwasser ist das reinste und scheußlichste: für Fische trinkbar
und lebenerhaltend, für Menschen untrinkbar und tötlich.
62. Unsterbliche sterblich, Sterbliche unsterblich: sie leben
gegenseitig ihren Tod und sterben ihr Leben.
63. Er spricht auch von einer Auferstehung des Fleisches, des
irdischen, sichtbaren, in dem wir geboren sind, und weiß, daß Gott
diese Auferstehung bewirkt. Sein Ausspruch lautet: Vor ihm aber, der
dort ist, erhöben sie sich und wach würden Wächter der Lebendigen und
der Toten. Er sagt aber auch, es finde ein Gericht der Welt und alles
dessen, was drinnen ist, durch Feuer statt, in folgendem:
64. Das Weltall aber steuert der Blitz, d.h. er lenkt es. Unter Blitz
versteht er nämlich das ewige Feuer. Er sagt auch, dieses Feuer sei
vernunftbegabt und Ursache der ganzen Weltregierung. Er nennt -
65. Es aber Mangel und Überfluß. Mangel ist nach ihm die Weltbildung -
66. Dagegen der Weltbrand Überfluß. Denn alles, sagt er, wird das
Feuer, das heranrücken wird, richten und verdammen.
67. Gott ist Tag Nacht, Winter Sommer, Krieg Frieden, Überfluß und
Hunger. Er wandelt sich aber wie das Feuer, das, wenn es mit
Räucherwerk vermengt wird, nach dem Duft, den ein jegliches ausströmt,
benannt wird.
67a. Wie die Spinne, die in der Mitte ihres Netzes sitzt, merkt, sobald
eine Fliege irgend einen Faden ihres Netzes zerstört, und darum schnell
dahin eilt, als ob sie um die Herstellung des Fadens sich härmte, so
wandert des Menschen Seele bei der Verletzung irgend eines Körperteils
rasch dahin, als ob sie über die Verletzung des Körpers, mit dem sie
fest und nach einem bestimmten Verhältnis verbunden ist, ungehalten
sei.
68. Heilmittel nannte er die auf die Seele wirkenden Sühnmittel.
69. Bei den Opfern sind zwei Arten zu unterscheiden. Die einen werden
dargebracht von innerlich vollständig gereinigten Menschen, wie das
hier und da bei einem Einzelnen vorkommen mag, wie Heraklit sagt, oder
bei einigen wenigen, leicht zu zählenden Männern. Die anderen aber sind
materiell usw.
70. Kinderspiele nannte er die menschlichen Gedanken.
71. Man soll sich auch an den Mann erinnern, der vergißt, wohin der Weg
führt.
72. Mit dem Worte, mit dem sie doch am meisten beständig zu verkehren
haben, dem Lenker des Alls, entzweien sie sich, und die Dinge, auf die
sie täglich stoßen, scheinen ihnen fremd.
73. Man soll nicht handeln und reden wie Schlafende. Denn auch im
Schlaf glauben wir zu handeln und zu reden.
74. Man soll es ferner nicht tun als Kinder der Erzeuger, d.h. schlicht
ausgedrückt ›wie wir es überkommen haben‹.
75. Die Schlafenden nennt, glaub' ich, Heraklit Arbeiter und Mitwirker
an den Weltereignissen.
76. Feuer lebt der Erde Tod und Luft des Feuers Tod; Wasser lebt der
Luft Tod und Erde den des Wassers.
77. Für die Seelen ist es Lust oder Tod naß zu werden. Die Lust bestehe
aber in ihrem Eintritt in das Leben. Anderswo aber sagt er: Wir leben
jener, der Seelen, Tod und jene leben unsern Tod.
78. Denn des Menschen Sinn hat keine Einsichten, wohl aber der
göttliche.
79. Kindisch heißt der Mann der Gottheit wie der Knabe dem Manne.
80. Man soll aber wissen, daß der Krieg das Gemeinsame ist und das
Recht der Streit, und daß alles durch Streit und Notwendigkeit zum
Leben kommt.
81. Die rednerische Unterweisung zielt mit all ihren Lehrsätzen auf
diesen Punkt und nach Heraklit ist sie Führer zur Abschlachtung.
82. Der schönste Affe ist häßlich mit dem Menschengeschlechte
verglichen.
83. Der weiseste Mensch wird gegen Gott gehalten wie ein Affe
erscheinen in Weisheit, Schönheit und allem andern.
84. Sich wandelnd ruht es aus das ätherische Feuer im menschlichen
Körper und es ist ermattend, denselben Herren zu frohnen und dienen.
85. Mit dem Herzen zu kämpfen ist hart. Denn jeden seiner Wünsche
erkauft man um seine Seele.
86. Die Kenntnis des Göttlichen entzieht sich größtenteils dem
Verständnis, weil man nicht daran glaubt.
87. Ein hohler Mensch pflegt bei jedem Wort erschreckt dazustehen.
88. Und es ist immer ein und dasselbe was in uns wohnt: Lebendes und
Totes und das Wache und das Schlafende und Jung und Alt. Wenn es
umschlägt, ist dieses jenes und jenes wiederum, wenn es umschlägt,
dieses.
89. Die Wachenden haben eine gemeinsame Welt, doch im Schlummer wendet
sich jeder von dieser ab an seine eigene.
90. Umsatz findet wechselweise statt des Alls gegen das Feuer und des
Feuers gegen das All, wie des Goldes gegen Waren und der Waren gegen
Gold.
91. Man kann nicht zweimal in denselben Fluß steigen nach Heraklit und
nicht zweimal eine ihrer Beschaffenheit nach identische vergängliche
Substanz berühren, sondern durch das Ungestüm und die Schnelligkeit
ihrer Umwandlung zerstreut und sammelt sie wiederum und naht sich und
entfernt sich.
92. Die Sibylle, die mit rasendem Munde Ungelachtes und Ungeschminktes
und Ungesalbtes redet, reicht mit ihrer Stimme durch tausend Jahre.
Denn der Gott treibt sie.
93. Der Herr, der das Orakel in Delphi besitzt, sagt nichts und birgt
nichts, sondern er deutet an.
94. Denn die Sonne wird ihre Maße nicht überschreiten; ansonst werden
sie die Erinyen, der Dike Schergen, ausfindig machen.
95. Denn seinen Unverstand bergen ist besser: nur ist's schwer in der
Ausgelassenheit und beim Wein.
96. Denn Leichname sollte man eher wegwerfen als Mist.
97. Denn Hunde bellen die an, die sie nicht kennen.
98. Die Seelen riechen im Hades.
99. Gäb' es keine Sonne, trotz der übrigen Gestirne wär' es Nacht.
100. Die Sonne als Wächterin des Jahreslaufs bringt die Veränderungen
zum Vorschein und die Horen, die alles bringen.
101. Ich habe mich selbst gesucht.
101a. Augen sind genauere Zeugen als die Ohren.
102. Bei Gott ist alles schön und gut und gerecht; die Menschen aber
halten einiges für gerecht, anderes für ungerecht.
103. Denn beim Kreisumfang ist Anfang und Ende gemeinsam.
104. Denn was ist ihr Sinn oder Verstand? Straßensängern glauben sie
und zum Lehrer haben sie den Pöbel. Denn sie wissen nicht, daß die
meisten schlecht und nur wenige gut sind.
105. Homer sei ein Astrologe gewesen, schließt Heraklit aus dieser
Stelle [Ilias 18, 251] ›Auch wurden in einer Nacht sie geboren‹ und aus
[6,478] ›Nie so mein ich, entrann von den Sterblichen einer dem
Schicksal‹.
106. Ein Tag ist wie der andere.
107. Schlimme Zeugen sind Augen und Ohren den Menschen, sofern sie
Barbarenseelen haben.
108. Keiner von allen, deren Worte ich vernommen, gelangt dazu zu
erkennen, daß die Weisheit etwas von allem abgesondertes ist.
109. Seinen Unverstand zu bergen ist besser als ihn zur Schau zu
stellen.
110. Für die Menschen wäre es nicht besser, wenn ihnen alle ihre
Wünsche erfüllt würden.
111. Krankheit macht die Gesundheit angenehm, Übel das Gute Hunger den
Überfluß, Mühe die Ruhe.
112. Das Denken ist der größte Vorzug, und die Weisheit besteht darin,
die Wahrheit zu sagen und nach der Natur zu handeln, auf sie hinhörend.
113. Gemeinsam ist allen das Denken.
114. Wenn man mit Verstand reden will, muß man sich wappnen mit diesem
allen Gemeinsamen wie eine Stadt mit dem Gesetz und noch stärker.
Nähren sich doch alle menschlichen Gesetze aus dem einen göttlichen.
Denn es gebietet, soweit es nur will, und genügt allem und siegt ob
allem.
115. Der Seele ist Weltvernunft eigen, das sich selbst mehrt.
116. Allen Menschen ist es gegeben sich selbst zu erkennen und klug zu
sein.
117. Hat sich ein Mann betrunken, wird er von einem unerwachsenen
Knaben geführt. Er taumelt und merkt nicht, wohin er geht; denn seine
Seele ist feucht.
118. Trockner Glast: weiseste und beste Seele.
119. Dem Menschen ist seine Eigenart sein Dämon.
120. Die Grenzen von Morgen und Abend sind der Bär und gegenüber dem
Bären der Berg des strahlenden Zeus.
121. Recht täten die Ephesier, wenn sie sich alle Mann für Mann
aufhängten und den Unmündigen ihre Stadt hinterließen, sie, die
Hermodoros, ihren wackersten Mann, aus der Stadt gejagt haben mit den
Worten: Von uns soll keiner der wackerste sein oder, wenn schon, dann
anderswo und bei andern.
122. Annäherung.
123. Die Natur liebt es sich zu verstecken.
124. Die schönste Weltordnung ist wie ein aufs geratewohl
hingeschütteter Kehrichthaufen.
125. Auch der Gerstentrank zersetzt sich, wenn man ihn nicht umrührt.
125a. Möge es euch nie an Reichtum fehlen, Ephesier, damit eure
Verlotterung an den Tag kommen kann.
126. Das Kalte wird warm, Warmes kalt, Nasses trocken, Dürres feucht.
