Der 24jährige möchte sein Leben selbst bestimmen und Filmemacher werden.
„Zum letzten Mal, ich bin nicht dein Messias“, stöhnt die Titelfigur in der Komödie „Das Leben des Brian“ und wurde dennoch gekreuzigt. Ähnliches passiert derzeit im tibetischen Buddhismus – auch wenn dort die Folgen zweifellos weniger dramatisch sein werden.
Ende Mai 2009 bestätigten zwei spanische Medien, dass der 24-jährige Tenzin Osel Rinpoche, einer der bekanntesten buddhistischen “goldenen Kinder” - besonders begabte Kinder, die aufgrund bestimmter Anzeichen oder durch ihre Erinnerungen als Tulku oder Wiedergeburt eines hohen tibetisch-buddhistischen Lamas angesehen werden – seine vorausbestimmte Identität aufgegeben hat.
Anstelle eines Lama, will er jetzt Filmemacher werden, und hat dazu wieder seinen ursprünglichen spanischen Namen Osel Hita Torres angenommen.
Die Abdankung des Auserwählten stellt jetzt vor allem die Gesellschaft zur Erhaltung der Mahayana-Tradition (Foundation for the Preservation of the Mahayana Tradition - FPMT) deren Lama er sein sollte und die als führende Organisation zur Verbreitung der tibetischen Lehre im Westen gilt, vor ernsthafte Probleme.
1989 wurde der damals vierjährige Torres mit der Erlaubnis seiner spanischen Eltern zu den FPMT Mönchen gebracht, um sich dort den traditionellen Tests zu unterziehen, die jeder Kandidat bestehen muss, um den Beweis zu erbringen, dass er tatsächlich die Wiedergeburt eines Lamas ist. Diese Verfahren ist vor allem durch Bernardo Bertolucci’s Film „Little Buddha“ oder die aktuelle Dokumentation „Unmistaken Child“ bekannt geworden. Dabei testeten die Mönche Torres Fähigkeit Gegenstände aus dem früheren Leben von Lama Yeshe zu erkennen.
Nach dem erfolgreichen Abschluss der Tests, wurde er offiziell vom Dalai Lama als Reinkarnation des 1984 verstorbenen Lama Yeshe bekannt gegeben. Mit sechs Jahren, im Juli 1991 trat er ins Kloster Sera, einem der drei bedeutenden Klosteruniversitäten in Südindien ein.
Im letzten Monat bestätigte die spanische Zeitschrift „Babylon“ dass Torres bereits vor einiger Zeit die tibetischen Universität verlassen hat und sich selbst auch nicht mehr für einen Buddhisten hält. Die Zeitung “El Mundo” zitiert ihn mit den Worten „Ich lebte mit einer Lüge. Sie haben mich von meiner Familie fortgebracht und mich in mittelalterlichen Verhältnissen festgehalten, unter denen ich sehr gelitten habe.“
Der britische „Guardian“ berichtete, dass die einzigen Personen, die Torres dort zu Gesicht bekommen hat, buddhistische Mönche und Richard Gere waren.
Am letzten Montag wurde eine Erklärung Torres auf der Internetseite der FPMT veröffentlicht, in der er die Presseberichte als sensationslüsternd bezeichnet und erklärt “Es gibt keine Spaltung zwischen mir und der FPMT”. Dennoch, die Bestätigung in dieser Erklärung, dass er sich der Reinkarnation verweigert, schlägt hohe Wellen.
Josh Baran, ein New Yorker Buddhist, der die West-Reisen mehrerer hohen Lamas ermöglicht hat, weist darauf hin, dass die Weigerung Torres nicht dazu führen sollte, dass Buddhisten jetzt den Kopf in den Sand stecken sollten. Der Westen, sagte er, hat die romantische Vorstellung, dass diese Lamas eine Art Superblick haben, damit auf ein Kind schauen und sagen, „er ist es“.
Gewisse Anzeichen sind wichtig bei der Suche nach möglichen Kandidaten zur Reinkarnation erklärte er, aber auch immer mehr weltlichen Gesichtspunkte spielen eine Rolle.
Tulkus besitzen oft erheblichen Reichtum und Einfluss, sodass die Auswahl oft von einflussreichen Mönchen manipuliert oder den Wünschen weltlicher Machthaber entsprochen wird. Manchmal kommt dieses Auswahlsystem auch nicht zu einem klaren Sieger. Die tibetische Geschichte ist voll von blutigen Kämpfen zwischen rivalisierenden Kandidaten und ihren Anhängern.
Vieles davon ist auch in westlichen Religionen nicht unbekannt. Katholische Päpste werden angeblich vom göttlichen Einfluss des Heiligen Geistes auf die Konklave der Kardinäle bestimmt - doch viele haben sich nicht gerade als heilig erwiesen und führten blutige Kriege um die Papstfolge.
Die tibetischen Buddhisten bewerten die Weisheit eines Tulkus nicht durch seinen Titel, sagt Baran, sondern durch sein Wirken und seine Frömmigkeit. Die Mönche versuchen die in Frage kommenden Kinder auszusuchen, aber sie übernehmen auch das Ausschlussverfahren der umfangreichen Tulkuausbildung. “Egal, wen sie auswählen, der beste wird am Ende vorne stehen”.
Aufgrund dieser Logik hat sich Torres einfach selbst aus dem Rennen gebracht. Robert Thurman, ein buddhistischer Gelehrter, ehemaliger Mönch und Freund des Dalai Lama, erzählt, dass er sich bereits besorgt äußerte, als vor einigen Jahren bekannt wurde, dass Torres eine traditionelle buddhistische Ausbildung in Indien erhalten sollte.
Thurman argumentiert: „Wenn er eine traditionellen tibetische Erziehung gewollt hätte, wäre er in einer tibetischen Familie im Exil wiedergeboren“. Das Ergebnis dieser falschen Platzierung ist, dass Torres jetzt mit einer Identitätskrise weggebrochen sei.
Thurman ist der Auffassung, dass in einiger Zeit in unserer viel beschäftigten postmodernen Welt Torres den Wert der tibetischen Tradition erkennen wird und dann in der Lage sein wird, sich nach eigenem Willen zu entscheiden.
Yiruisi für China-Observer.de
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